Apollo 16 in 4K & 60 FPS: KI verbindet Historie und Moderne

Der KI-Tüftler Denis Shiryaev skaliert historische Videos auf 4K und 60 Bilder pro Sekunde hoch. Wie kam er darauf – und was macht es mit uns? News zu VR, AR und KI | MIXED.de & Tomislav Bezmalinovic

Der KI-Tüftler Denis Shiryaev skaliert historische Videos auf 4K und 60 Bilder pro Sekunde hoch. Wie kam er darauf - und was macht es mit uns?

Ein Youtube-Video zeigt eine der ersten Filmaufnahmen der Geschichte, wie man sie noch nie gesehen hat: in 4K-Auflösung und 60 Bildern pro Sekunde. Künstliche Intelligenz macht es möglich. Ich sprach mit dem Urheber des Videos über die Zukunft des KI-Upscalings alter Filme.

Paris, 1896. Die Brüder Lumière führen einem gespannten Publikum den ersten Kinofilm der Geschichte vor: Er dauert 50 Sekunden und zeigt einen Zug, der in den Bahnhof der französischen Küstenstadt La Ciotat einfährt. Einer Legende zufolge erschraken die Zuschauer so sehr ob der bewegten Bilder, dass sie in Panik das Weite suchten.

Knapp 125 Jahre später modernisierte ein russischer Entwickler den Schwarzweißfilm mit Künstlicher Intelligenz . KI-Algorithmen rechneten das historische Filmmaterial auf 4K-Auflösung hoch, ergänzten, wo nötig, Details und fügten neue Einzelbilder ein, sodass Bewegungen geschmeidiger wirken.

Das Ergebnis verblüfft und lässt das berühmte Stück Film so lebensecht wie nie erscheinen. Wie hätten die Besucher der ersten Kinovorführung der Geschichte wohl erst auf diese Aufnahme reagiert?

Überrascht vom Erfolg

Heutige Betracher sind jedenfalls begeistert: Mehr als drei Millionen Mal wurde das auf Youtube veröffentlichte Video bislang abgerufen. “Heiliger Bimbam. Ich sah gerade Menschen aus dem 19. Jahrhundert, als wäre es heute”, kommentiert ein Youtuber-Nutzer.

Das Medieninteresse und die Popularität des Videos überraschte den Urheber der KI-gestützten Filmverjüngung, den in Moskau lebenden Produktmanager Denis Shiryaev. “Ich habe das Video aus Spaß gemacht und weil ich neugierig auf das Resultat war”, sagt er.

Shiryaev ist kein KI-Fachmann, auch wenn er sich seit Jahren hobbymäßig mit maschinellem Lernen befasst. Er will laut eigenen Aussagen nichts Einzigartiges geschaffen und lediglich KI-Algorithmen genutzt haben, die frei im Internet erhältlich sind. Die Ehre gebühre den Entwicklern, die die Algorithmen programmierten und trainierten.

“Jeder kann es mir nachmachen”, meint Shiryaev und verweist auf die Internetlinks unter seinem Video, die teils zu bereits einsatzfähigen, aber kostenpflichtigen Programmen, teils zu rohen Algorithmen führen.

KI-Upscaling steht noch am Anfang

Drei Tage und drei Nächte waren die künstlichen neuronalen Netze mit der digitalen Frischzellenkur beschäftigt. Shiryaev selbst musste sich lediglich in Geduld üben. “Der schwerste Teil war, neben den Arbeitsgeräuschen des Rechners zu schlafen”, sagt der KI-Tüftler.

Nachdem sein Video viral ging und zahlreiche Internetseiten darüber berichteten, trudelten bei Shiryaev ein halbes Dutzend Anfragen von Filmunternehmen ein. “Sie wollten alle nur eines wissen: ob sie meine Software für die Modernisierung ihrer Filmarchive nutzen dürfen.”

Davon angespornt, will Shiryaev seine Arbeitsabläufe automatisieren und eines Tages als kostenpflichtigen Verjüngungsdienst für alte Filme und Archivmaterial anbieten.

Auf seinem YouTube-Kanal erscheinen mittlerweile regelmäßig neue Videos: eines zeigt den US-Astronauten John Young, der während der Apollo-16-Mission in einem Mondfahrzeug auf der Oberfläche des Erdtrabanten herumkurvt. Ein anderes zeigt Archivaufnahmen aus dem erstaunlich belebten New York des Jahres 1911 und noch eines präsentiert die Straßen von Moskau, wie sie vor knapp 125 Jahren aussahen.

Ein neuer Bezug zur Vergangenheit

Shiryaev glaubt, dass es schon bald einen umkämpften Markt geben wird für das KI-Facelifting alter Filme. Die Zukunft der Technologie ist vielversprechend, zumal aktuelle KI-Algorithmen nur teilweise für diese Aufgabe ausgelegt sind. Bei näherem Hinsehen merkt man das Shiryaevs Videos an: Man erkennt Bildartefakte und manche Details, wie weiter entfernte Gesichter, bleiben unscharf.

Um ihre volle Wirkung zu entfalten, müssten die KI-Algorithmen zuerst mit geeignetem Material trainiert werden, anhand dessen sie digitale Restaurierung gleichsam “lernen”. Dann könnten sie auch freier arbeiten.

“KI-Algorithmen könnten Bilder nicht nur hochskalieren, sie könnten sie vollkommen neu berechnen mittels spezieller Datensätze. Ein KI-Algorithmus wird unkenntliche Gesichter neu zeichnen, ein anderer wird die Szene nachkolorieren und wieder ein anderer wird Bildrauschen beseitigen”, meint Shiryaev.

Historische Aufnahmen vergangener Epochen und Ereignisse könnten so in neuem Glanz erstrahlen und für zeitgenössische Betrachter einen neuen Bezug zur Vergangenheit schaffen. Sähen jahrzehntealte Archivaufnahmen beinahe so aus, als wären sie heute aufgenommen, dürfte die Wirkung eine ganz andere sein – besonders bei jüngeren Generationen. Man denke etwa an Aufnahmen aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, der ersten Mondlandung oder Martin Luther Kings berühmter Rede vor dem Lincoln Memorial.

“Das Potenzial ist riesig. In der Zukunft werden alle Filme mit KI aufgemöbelt. Daran habe ich keine Zweifel”, sagt Shiryaev.

Titelbild: Denis Shiryaev (Screenshot)

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